Ein berührender, eindrücklicher Besuch im Wien Museum MUSA

Heute war ich das erste Mal im MUSA und sehr neugierig auf die Ausstellung »Augenblick!«. Ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil.

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Ein Sonntag im Museum

03.07.2022 Wien Museum MUSA | Ausstellung: Augenblick! Straßenfotografie in Wien

Die meisten sind schwarz/weiß Aufnahmen, manche davon sehr alt. So war es auch eine kleine Zeitreise durch diese außergewöhnliche Stadt. 

Straßenfotografie ist soviel mehr als nur Bilder von Häusern, Parks und Menschen. Jene mit gutem Auge und einem Gespür für das Besondere – und mit dem Glück des richtigen Moments – vermögen uns mehr zu zeigen. Manchmal sogar mehr, als wir gemeinhin bei einem Spaziergang oder »einem Weg«, wie man in Wien sagt, sehen wollen. 

Eines dieser Bilder fesselte mich mehr als alle anderen. Es zeigte lachende Kinder, ein Mann hielt eines im Arm, das Mädchen berührte sanft mit ihren kleinen Händen sein Gesicht. Ein sehr inniger Moment. Glück, Lebensfreude, Dankbarkeit und dennoch der Schrecken, der vergangene Schrecken in den Kinderaugen. Darunter steht: Wiener Kinder kommen aus der Schweiz zurück, 1945 – 1946, Otto Croy

Um mich und meine Seele zu schützen, ging ich wohl etwas zu schnell weiter, versuchte mich, mit den anderen Bildern abzulenken. Doch es folgten weitere, tief berührende. 

WIEN MUSEUM MUSA

1010 Wien, Felderstraße 6–8

AUGENBLICK! 
STRASSENFOTOGRAFIE IN WIEN

19. Mai bis 23. Oktober 2022

Jeden ersten Sonntag im Monat freier Eintritt

mehr Infos auf www.wienmuseum.at

Ernst Haas, Aus der Serie Kriegsheimkehrer, 1948, zeigt eine Frau in einer Menschenmenge. Es ist nicht nötig, ihr Gesicht zu sehen, zu kennen, die Geste, wie sie ihre Hand an die Wange hält, reicht, um Gänsehautschauer auszulösen und eben diesen Kloß im Hals zu einer Träne werden zu lassen.

Ich sehe diese Frau und weine. Innen, still, die Träne bleibt im Auge, ruht dort, ich fühle diese Frau, fühle ihre Hoffnung und ihre Angst, ihre Sorge, die sie nicht zulassen will. Kommt er heute nach Hause? Ist er gesund? Wird er noch er selbst sein? 

Es braucht nicht den nahen Krieg in der Ukraine, um hier Mitgefühl zu empfinden. Menschsein reicht.

Für mich interessant war auch, dass genau das Bild mit den Kindern nur eine Teilaufnahme wurde und die auch noch verschwommen. Unbewusst wollte ich dieses Bild wohl doch nicht fotografieren. Ich zeige es euch dennoch, denn es ist kraftvoll in seiner Schönheit und Traurigkeit.

Das Bild von Martin Gerlach sen. »Auf dem Schottenring, um 1908« zeigt ein anderes Wien. Die Votivkirche, ein Fiaker, die Straßenbahn, damals noch neu, viele Menschen. Später am Nachmittag ging ich dort spazieren und nahm die Straßenbahn, die moderne, gekühlte. Das Straßenbild hat sich gewandelt, heute sind die Autos vorrangig. Doch wer weiß, wie sich alles wieder wandeln wird …

Auch aus dieser Zeit ist die Aufnahme des Verkehrspolizisten, ein Bild von Emil Mayer. 

Für mich ebenfalls eindrücklich und berührend, das Bild vom »Stock im Eisen Platz« am Graben/ Nähe Stephansdom. Dunkel, düster und schmutzig präsentiert sich uns hier die Stadt. Ja, eine andere Zeit, Kohleheizöfen und noch nicht das Bedürfnis und die Notwendigkeit, sich für Touristen schön herauszuputzen. Auf weiteren Bildern, die ich nicht fotografiert habe, zeigt sich die Armut, die, die niemand sehen will, die unangenehm wirkt, die einem, selbst heute, das Gefühl gibt, lieber nicht hinzuschauen. Sehr traurig sind die Bilder der Kriegsrückkehrer. Nicht nur wegen ihrer oftmals sichtbaren Verletzungen, sondern wegen ihrer Hilflosigkeit. Die Bilder vermitteln das, was allen schwerfällt. Wie lebt man(n) nach dem Krieg? Wie geht man(n) mit dem Erlebten, Gesehenen um? Wie geht es nun weiter? Alles sind sie Helden und doch sitzen sie krank, arm und nutzlos (ja, das tut sogar beim Schreiben weh) auf dem Trottoir. 

Wer kann angesichts dieser Bilder einen Krieg befürworten, frage ich mich. In meinem Fall braucht es sie nicht einmal. Ich brauche keine Belege und Beweise gegen den Krieg. Ich fühle. Ich fühle so sehr. 

Gern verurteilen wir die Menschen, die dem charismatischen Herrn damals folgten, die sich versprechen ließen, dass alles besser werden würde, viel besser. Die glaubten, dass es unterschiedliche Menschen gibt und die auch daran glaubten, im Recht zu sein. Nichts kann den blinden Eifer rechtfertigen, doch angesichts der Bilder der Armut in der Stadt, ist es leichter zu sehen, dass diese Menschen sich jemandem zuwandten, der Besserung versprach. Der Grad der Bildung war überschaubar, das Fügen als wertlose Menschen in der Monarchie noch geübt. Ja, ich weiß, es waren nicht nur die Armen, doch in der Rückschau werden sowieso alle in einen Topf geworfen. Und ja, ich weiß, das war später, doch ich habe nur wenige Fotos für hier gemacht. Außerdem ändert sich da nicht soviel. Selbst heutzutage kommt nur etwas Farbe hinzu. 

Die bunten Sitzbänke im Rathauspark sind damit allerdings nicht gemeint. Sie zeigen das Engagement Wiens im Pride Monat. Das Wienmusem MUSA ist in der Nähe des Rathauses / Rathausparks. Ein Spaziergang nach den vielen Eindrücken im Museum tut sehr gut. Gerne noch ein feiner Kaffee und mit Dankbarkeit und großer Wertschätzung und tief, tief Durchatmen den Sonntag beschließen.

Diesen Beitrag zu schreiben, die Bilder zu sichten, hat fast nochmal genauso lange gedauert, wie der Besuch der Ausstellung selbst. Auch, weil ich mich an die belauschten Gespräche erinnerte (sorry dafür, doch es wurde nicht geflüstert). Es waren einige ältere Menschen in der Ausstellung und sie zeigten sich gegenseitig die Bilder und unterhielten sich darüber. Vieles kannten und erkannten sie, was diese Ausstellung über bloße Fotografien hinaushob und sehr lebendig machte.

Ich bin dankbar für das alles. Sehr.

Die Ausstellung gibt es noch bis 23.10.2022 und es kann gut sein, dass ich sie noch ein zweites Mal besuchen werde. Herzensempfehlung von mir!

Denn, auch wenn es aufgrund meiner Eindrücke so scheint, als wäre es eine eher schwere Ausstellung, so finden sich darunter auch fröhliche und lustige Bilder. Naschmarkt, Prater und jene Bilder, bei denen man schmunzeln muss ob des Bildmoments …

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»feelingwords sind Mindset-Poesie und gerne Inspiration und Begleitung. Mit meinen Gedanken, Gedichten & der Sternenflaum-Geschichte möchte ich dir zeigen, dass Fühlen wertvoll und ein feiner Kompass durchs Leben ist.« Judith Eherer

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