Annie und das Leben

Eine Kurzgeschichte aus »feelingwords Gedanken & Gedichte«

~ zum Earth Day 2021 + zum 35. Jahrestag von Tschernobyl ~

Es war einmal ein junges Mädchen, Annie. Sie war hübsch, wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern in einem schönen Haus, hatte ein großes Zimmer für sich alleine, eine Miezekatze und auch sonst fehlte es ihr an nichts. Sie war glücklich und hatte stets ein freundliches Lächeln im Gesicht. Wenn sie im Wald spazieren ging, summte sie leise Melodien vor sich hin und freute sich über jeden Schmetterling und jedes andere Tier, das ihr begegnete.

Sie ging sehr oft spazieren. Leider nicht nur, weil sie gerne in der Natur war. Ihr fröhliches, glückliches Wesen war den anderen Menschen im Ort zuwider. Ständig musste sie sich anhören, wie weltfremd sie doch wäre, wie fern jeglicher Realität ihr Lächeln wäre. Selbst Annies Eltern waren ratlos, sie konnten sich nicht erklären, warum gerade ihre Tochter so glücklich ist. Von wem sie das hat? Jetzt haben sie schon mehr Fernsehstunden eingeführt, und die Zeitung legen sie ihr auch jeden Morgen hin. Aber nichts scheint zu helfen. Annie lächelt immer glücklich.

Obwohl ihr in letzter Zeit sehr oft nach weinen ist, denn es schmerzt sie, ständig von jammernden und klagenden Menschen umgeben zu sein. Es tut ihr weh, immer gesagt zu bekommen, dass es anmaßend wäre, wie sie einen anlächelte.

Natürlich versuchte Annie, mit den Menschen zu reden. Sie fragte sie, warum sie denn so unglücklich wären? Und warum sie sich über alles beklagten, was sie sich doch selber aufgebaut hätten? Und warum sie denn nichts ändern würden, an ihrem Leben, wenn sie es doch so wie es ist, nicht mögen? Annie bemühte sich sehr. Aber je mehr sie versuchte, das Glück mit anderen zu teilen, umso mehr Ablehnung erfuhr sie. Wo sie auch hinging, sie wurde gemieden. Selbst die Schule war für sie kein Ort der Freude mehr. Es wurde mit dem Finger auf sie gezeigt und hinter ihrem Rücken getuschelt. Auch die Lehrer riefen bereits bei Annies Eltern an, um sich zu beschweren. Annie würde die Energie in der Schule vergiften, es wären schon Kinder aufgefallen, die auch plötzlich lächelten und meinten, der Regenbogen draußen wäre schön. Das geht doch nicht, dass die Kinder vergessen, dass es vor einem Regenbogen nun mal geregnet hat! Wie kann man nur so tun, als wäre alles in Ordnung? Aber, wie gesagt, Annies Eltern wussten sich auch keinen Rat.

Einzig Annies Urgroßmutter, ja die könnte vielleicht wissen, was mit Annie los ist. Aber die ist schon so lange im Heim, die kennt bestimmt niemanden mehr. Nein, sie ist schon zu alt, um sie bei so etwas wichtigem um Rat zu fragen. Vielleicht sollte man einen Psychologen aufsuchen? Aber was das wieder kostet, die Krankenkasse zahlt das bestimmt nicht, meinte Annies Vater. Er hatte eine bessere Idee. Wie wäre es mit einem Ausflug, Annie? Ich möchte dir gerne meinen Arbeitsplatz zeigen, es ist sehr spannend in einem Atomkraftwerk zu arbeiten. Das wird dich auf andere Gedanken bringen. Und innerlich setzte er noch hinzu, und dann wirst du hoffentlich mal endlich aufhören mit glücklich sein.

Aber Annie widersetzte sich ihm, höflich lehnte sie diesen Ausflug ab. Sie sagte: Papa, hör doch was die Lehrer sagen, ich würde mich nicht gut auf andere auswirken, es wäre zu gefährlich, denn stell dir vor deine Arbeitskollegen wären dann plötzlich glücklich. Dann würden sie dort nicht mehr arbeiten wollen, verstehst du Papa? Ja, Papa verstand. Leider. So ein glückliches Kind ist aber auch eine Strafe. Bestimmt hat das alles was mit diesem Gott zu tun, mit dem Annie manchmal spricht. Gott, er weiß noch, dass er als Kind davon gehört hat, dass es so etwas mal gegeben hat. Aber das ist lange her. Wo Annie das nur wieder herhat? Weil sie aber auch ständig ihre Nase in Bücher vergräbt. Oh nein, wo soll das nur hinführen?

Annie ist derweil wieder draußen im Wald, sie genießt die Sonne, lacht mit den Vögeln, und erfreut sich an den Häschen und Rehen die umherspringen. Danke, ruft sie in den Himmel. Danke, es ist so schön!

© 2010 Judith Eherer
feelingwords.art/annie

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