30. Kapitel | Umarmung im Geiste

„Wir können uns auf mehrere Arten umarmen. Wie bin ich froh, dass ich das schon vor einiger Zeit erkennen durfte! Diese Suche nach Liebe, die Suche nach meinem Leben, die Suche nach mir selbst. Oft fühlte ich mich verloren und alleine. Doch nun werde ich von Sternenflaum und dem Licht auf liebevollste Weise daran erinnert, dass ich schon oft umarmt wurde und auch schon oft umarmt habe – und das nicht nur mit meinen Armen, sondern vielmehr mit dem Herzen. Ganz so, wie eine Umarmung sich im Traum oder in der Erinnerung anfühlt.“

„Ja, wie schön, liebe Fee! Du kannst sogar zurückfühlen.“

„Zurückfühlen. Was für ein Wort, liebster Sternenflaum. Aber ja, es stimmt, ich fühle noch genau wie es war …“

„Wie was war? Magst du es erzählen bitte? So, dass ich es auch fühlen kann?“

„Sehr sehr gerne. Weißt du was? Ich beginne wie in einem Märchen mit ‚Es war einmal‘.“

„Oh … bist du dir da sicher?“

„Wieso? Das klingt doch schön – obwohl, du hast recht, es ist nicht wahr. Denn es war nicht einmal, es ist immer noch, wenngleich auch nur in der Erinnerung.“

Zeit und Raum, weißt du noch?“

„Ja, stimmt, doch ich habe eine Idee:“

Es war einmal und ist noch immer, an einem kleinen, zauberhaften Ort …
Eines Morgens stellte ich den kleinen Tisch der im Zimmer war, direkt vor das Fenster. Ich wollte mich reinsetzen, ja, mitten rein, in diesen Blick aus dem alten Klostergemäuer – diesen Blick in die diese Traumlandschaft. Es war noch etwas kühl und so holte ich mir die Bettdecke und saß dann, eingekuschelt in die dicken Federn, halb auf dem Tisch, halb im Fenster. Theoretisch hätte ich mich nur ins Fenster setzen können, so dick waren die Mauern. Doch ich empfand viel zu viel Respekt vor diesem Haus, als dass ich da einfach meine Beine aus dem Fenster baumeln lassen hätte können.
Es war ein traumhaftes Zimmer in diesem alten Kloster, mit einem Deckengemälde das schon an ein paar Stellen abbröckelte, einem einfachen Bett mit dicken, ganz dicken Kissen, ein schlichter Tisch, ein Stuhl, ein kleiner Schrank, ein Waschbecken (mit kaltem Wasser) und ein etwas trüber Spiegel. Ach ja, ein Sessel stand auch noch darin, der allerdings so altersschwach aussah, dass er wohl nur noch bewundert, nicht aber mehr benutzt werden konnte. Alles in allem war es das schlichteste Hotelzimmer, das ich bis dato bewohnt hatte (ja ich muss Hotelzimmer schreiben, auch wenn ich selber dabei schmunzeln muss, denn ich dachte ja, ich hätte ein Zimmer in einem Hotel gebucht. Erst bei meiner Ankunft wurde ich mit dem Kloster überrascht). Dennoch, so einfach es war, so sauber und liebevoll war es auch. Es hatte den Anschein, als hätten unzählige Hände das Zimmer blitzeblank geputzt und von Herzen für seinen Gast vorbereitet.
Was habe ich dort gut geschlafen! Wann hatte ich mich das letzte Mal so beschützt gefühlt? Und das, obwohl die Zimmertüre nicht wirklich abzuschließen war. Der Schlüssel, nun, wie soll ich sagen, er war groß wie das Kloster selbst und wohl ebenso alt. Die Türe war verzogen, so dass nur ein sehr kräftiger Mann es geschafft hätte, sie abzusperren – was wiederum nicht möglich gewesen wäre, denn in diesem Kloster war kein Zutritt für Männer. Damals war ich noch ein ziemlicher Angsthase und ehrlich, ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können, dass ich alleine, in einem Kloster, bei offener Türe, wohlig und glücklich schlafen konnte. Ich genoss diese Reise mit jeder Faser meines Herzens. Ja, und nun, an diesem Morgen, saß ich im Fenster, eingekuschelt in die Decke und blickte in die Landschaft. Ich fühlte eine Ruhe in mir, eine Stille, die zu beschreiben es mir nicht möglich scheint. Es war einfach wundervoll.
Dann kam Sie. Am Abend zuvor hatten wir uns kurz kennen gelernt – wirklich nur kurz. Sie kam ins Zimmer, ich drehte meinen Kopf ein wenig zu ihr, ich sah ihr Gesicht, wunderschön, und ihre Augen, die mich faszinierten, denn sie strahlten Güte, Liebe, Traurigkeit und Ehrgeiz aus. Eine ganz besondere Mischung, wie ich finde. Sie kam zu mir ans Fenster heran und dann passierte es. Es ist genau dieser Augenblick, den ich nie mehr vergessen werde. Sie stand hinter mir und umarmte mich mitsamt der dicken Federdecke. Ich kann nicht sagen wie lange dieser Moment dauerte, eine Minute, nein bestimmt länger, doch waren es fünf oder zwanzig? Es ist unmöglich, dies einzuschätzen. Fühlte ich mich in dem Kloster schon so wohlig und beschützt, so verstärkte sie dies mit ihrer Umarmung. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob wir uns unterhielten, ob überhaupt ein Wort fiel, meine Erinnerung ist das Gefühl – dieses Gefühl von Wärme, Schutz und Liebe. Ich kuschelte mich regelrecht darin ein.
Mir steigen Tränen des Glücks und der Dankbarkeit in die Augen, wenn ich an diese Zeit denke. Danke, danke liebe Freundin, dass es dich gibt und danke für die schönen Erinnerungen.

„Sternenflaum, ich habe eine Bitte.“

„Ja gerne, liebste Fee.“

„Magst du zu meiner Freundin und ihrer Familie fliegen? So dass sie das Gefühl bekommen, dass alles gut ist?“

„Wir machen das auch sonst schon, doch wenn du willst, dann machen wir uns extra bemerkbar. Doch Fee, wieso klingst du jetzt traurig?“

„Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Von daher weiß ich nicht, wie oft sie herzhaft lacht. Dass sie es tut, und dass sie es sehr ansteckend tut, das durfte ich erleben. Wenn sie lacht, bebt ihr ganzer Körper, es ist ein Lachen, das direkt aus dem Herzen zu kommen scheint, ihre Augen glitzern dabei wie bei einem kleinen Mädchen, dass sich gerade einen Streich ausdenkt.
Ich wünsche mir für sie, dass sie ganz oft so lachen kann, denn ich weiß, welch schweres Leben sie lebt, wie viel Kraft und Ausdauer es sie kostet, alles zu meistern. Doch sie tut es, sie meistert es, und wie!“

„Es dieses Lachen, das ihr hilft, und wohl auch die Liebe die ihr von so vielen Seiten entgegengebracht wird.“

„Danke Sternenflaum, das bedeutet mir viel. Ich werde mich jetzt noch weiteren Erinnerungsumarmungen widmen, zurückfühlen wie du das nennst.“

„Sehr schön, mach das.“



>>> Fortsetzung folgt